Vamık D. Volkan, M.D., DLFAPA, FACPsa.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
WELT ONLINE:                                 Herr Volkan, die Türkei will EU-Mitglied werden, seither giften sich Türken und Europäer nur noch an. Gehören beide auf die Couch des politischen Psychiaters?
Vamık D.Volkan:                                  Die Türkei befindet sich in einer tiefen und wachsenden Identitätskrise und Europa auch. Die Kombination führt zu Konflikten.
 
WELT ONLINE:                                  Worin besteht denn die Krise der Europäer?
V.V.:                                                     Vor einem Jahr gab es einen Kongress in Budapest, da waren Forscher aus allen EU-Ländern, und ich schlug vor, ganz informell darüber zu diskutieren: Wie wohl fühlt sich jeder in seiner neuen Identität als EU-Bürger? Den Europäern wird ja eine neue Identität angetragen, die supranationale, das wird in der Propaganda immer als eine ganz feine Sache geschildert. Aber in Wahrheit ist es traumatisierend, von der bisherigen Identität – der deutschen zum Beispiel – in eine neue, europäische Identität gedrängt zu werden. Wir sprachen Englisch, aber es dauerte keine 20 Minuten, da sagten die Franzosen, in der EU gehe es um Gleichheit, und weigerten sich, Englisch zu sprechen. Binnen 40 Minuten war die Stimmung so emotionsgeladen, dass es in Geschrei auszuarten drohte, Chaos brach aus. Da wurde mir klar, wie traumatisch diese Identitätsfrage für die Europäer ist. Ich habe Brüssel vorgeschlagen, eine eigene Kommission dafür zu schaffen, um Probleme zu lösen, bevor sie zu politischen Konflikten führen, aber der Vorschlag lief ins Leere. Ich nehme diese Identitätsprobleme aber sehr ernst. Sie müssen untersucht werden, bevor sie degenerieren.
 
WELT ONLINE:                                  Also die EU als Bedrohung der bisherigen Identität?
V.V.:                                                      Genau Die verschiedenen großen Gruppen – die Völker – empfinden ihre Identität als Deutscher, Pole, usw. als bedroht. Das wird verdrängt, weil die Autoritäten einem sagen, dass die EU gut ist, und so wird stellvertretend die Türkei zur großen Bedrohung, die nicht mehr nur für sich selbst steht, sondern zum symbolischen Feindbild für alles wird, was die.  
 
WELT ONLINE:                                   Wissen die Türken, wie traumatisiert und sensibel die armen Europäer sind?
V.V.:                                                       Die Türken stecken in ihrer eigenen tiefen Krise. Die Türkei hatte ein Imperium, und in Imperien empfindet selbst der Müllarbeiter, dass er Teil eines Reiches ist, es steigert sein Selbstwertgefühl. Wenn das verloren geht, sind die Menschen traumatisiert. Das Osmanische Reich ging verloren, fünf Millionen Türken wurden vertrieben und kamen als Flüchtlinge ins Land, weitere fünf Millionen kamen ums Leben. Aus all dem entstand eine neue Türkei mit einem charismatischen Führer, Atatürk. Und dann starb er. Solange er lebte, hatten die Türken auf ihr Trauma des verlorenen Imperiums narzisstisch reagiert, nach dem Motto, wir haben dafür Atatürk. Daher der Kult um ihn. Er brachte eine neue Identität, die er den Türken aufzwang; die Religion griff er dabei als solche nicht an, er machte es eher wie Heinrich VIII. von England mit dem Anglikanismus – er passte den Islam seinen Bedürfnissen an. 

WELT ONLINE:                                   Und jetzt kommt der Bumerang zurück?
V.V.:                                                       Das Trauern großer Gruppen ist ein sehr langwieriger Prozess, es dauert Jahrzehnte. In der Türkei gehörte dazu, dass man über die Religion nachdachte, sie war im Osmanischen Reich von zentraler Bedeutung. Und nun kommt es zum Zusammenprall zwischen der neuen Religion Atatürks und der alten Religion, dem Islam der Tarikas (Anm. der Red: islamische Orden). Bei den Tarikas geht es darum, dass einer der allmächtige, allwissende Führer ist. Diese Omnipotenz führt paradoxerweise zu Angst – denn was ist, wenn ein anderer es genauso macht, sich zum Chef aufschwingt und meine Macht bedroht? Also zieht man Grenzen hoch, meistens durch eine besondere Kleidung – das Kopftuch ist dafür symptomatisch – und organisiert sich als eine Art Familie, in der sich alle omnipotent und ängstlich fühlen. Das führt zu Masochismus und Sadismus und zu regressiven Moralvorstellungen, wo man nach einer Frau sucht, die keine Person mehr ist, sondern nur noch Sex und Milch gibt.
 
WELT ONLINE:                                  Was hat das alles mit Europa zu tun?
V.V.:                                                      Die Türkei war mitten in diesem Prozess, überall kehrten die Tarikas zurück, sie sind heute überall in der Türkei, und es gibt keine Vaterfigur, die einfach sagen würde: "Schande über euch", um diesen Prozess zu bremsen. Mittlerweile begannen äußere Einflüsse hineinzuspielen. Die USA stärkten einen radikalen Islam, um der Sowjetunion zu schaden, und plötzlich tauchte eine globalisierte Tarika auf – Osama bin Laden, auch da ein omnipotenter Führer, Sadismus und Masochismus, und nun haben wir einen globalen Aufruhr der Emotionen, die Welt ist geteilt in Schwarz und Weiß, muslimisch und ungläubig. So haben die Türken die christlichen, westlichen Länder als Feindbild aufgebaut, nur noch sechs Prozent finden die USA gut. 
 
WELT ONLINE:                                  Klingt so, als müsste man darüber mal diskutieren in der Türkei?
V.V.:                                                      Aber das geht nicht, weil das Wort "Religion"zu dieser Diskussion gehört.
 
WELT ONLINE:                                  Dann helfen die Türken mit ihren inneren Konflikten und Feindbildern den Europäern, ihre Feindbilder aufrechtzuerhalten?
V.V.:                                                      So ist es. Sie helfen den Europäern, ihr Bild des bedrohlichen "Barbaren" aufrechtzuerhalten, die beiden Identitätskrisen kontaminieren einander.
  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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