Logo

Vamýk D. Volkan, M.D., DLFAPA, FACPsa.

 
 
 
 
 
 
 
Volkan, Vamýk D. (2005) Bindes Vertrauen.
Großgruppen und ihre Führer in Krisenzeiten
 
 
Georg R. Gfäller
 
 
 
 
Erschienen in: Psyche, Donnerstag, 1. November 2007.
 
 
 
 
 
 
 
Zentral bleibt, dass Volkan ein Werk geschaffen hat, das zeigt, wie die Psychoanalyse bei der Entschärfung nationaler und internationaler Konflikte helfen kann. Das Buch sollte Pflichtlektüre jedes angehenden und jedes praktizierenden Psychoanalytikers sein.
 
Volkan legt in seinem neuen Buch noch besser als in den vorangehenden dar, wie Psychoanalyse, politische Verantwortung und Politik nicht nur theoretisch, sondern auch handelnd in Verbindung gebracht werden können. Die Vermittlung von Psychoanalytikern bei nationalen und internationalen Konflikten oder gar ihre Mitwirkung bei der Konfliktlösung ist sinnvoll und wird nachvollziehbar dargestellt. Volkan's Ansatz besteht darin, Völker, Nationen, Staaten und Ethnien als Großgruppen zu behandeln und nach Mechanismen zu suchen, die solche Großgruppen auszeichnen. Sein Konzept unterscheidet sich damit von der englischen Großgruppenforschung, die Prozesse innerhalb von Großgruppen samt ihrer Untergruppenbildungen usw. untersucht (vgl.: Die Großgruppe. Hg. von L. Kreger. Stuttgart 1975).
 
 
Volkan analysiert, welche Prozesse zur Bildung von Großgruppen beitragen und wie diese Gruppen sich dann von anderen Großgruppen abgrenzen, wie man es im politischen und gesellschaftlichen Bereich beobachten kann. Zentrale Fragen sind:
 
a-  Was ist die Identität der Großgruppe, wie setzt diese sich in Abgrenzung zu anderen Großgruppen zusammen,
 
b-  Wie können Großgruppen regredieren und dann gefährlich werden?
 
c- Wie können progressive Elemente von Großgruppenprozessen genutzt und gestärkt werden, damit die einzelnen Großgruppen souverän sind, ohne Feindbilder auskommen und so zum Frieden beitragen?
 
 
Seit den Prozessen der Globalisierung, des internationalen Terrorismus und den nur scheinbar regionalen kriegerischen Auseinandersetzungen sollte es für aufgeklärte Großgruppen nicht mehr darum gehen, in strenger Weise zwischen »Wir« und »den Anderen« zu unterscheiden, sondern durch Gesundung der Großgruppenprozesse zu Verständigung, möglicherweise sogar Aussöhnung zu kommen (S.321). Praktisch und theoretisch weist Volkan nach, daß es mit Hilfe der Psychoanalyse und der daraus abgeleiteten Großgruppenanalyse möglich und sinnvoll ist, bei internationalen Konflikten vermittelnd einzugreifen. Auch bei Misserfolgen sollte man nicht aufhören, in politischen Krisensituationen das gesamte Handwerkszeug der Psychoanalyse und der Großgruppenanalyse einzusetzen. Das ist Volkans Credo, und dazu liefert er eindrucksvolle Beispiele.
 
Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Teil I beschäftigt sich mit der Psychologie von Großgruppen, Teil II mit der Psychologie des religiösen Fundamentalismus und Teil III mit Macht und Persönlichkeit; Teil IV ist eine Fallstudie zu Albanien.
 
Das Vorwort beschreibt, wie es möglich ist, den Platz hinter der Couch zu verlassen und an den politischen Verhandlungstisch zu kommen, wenn man eine dafür geeignete Organisation aufbaut und sich engagiert, wie der Autor es tat.
 
 
Teil I beginnt mit den »sieben Fäden der Großgruppenidentität«:
 
1- Gemeinsame greifbare Reservoire für Bilder, die mit positiven Emotionen verbunden sind: hier erarbeitet Volkan die These, daß schon in der trüben Kindheit Aspekte der Identität der umgebenden Großgruppe in die Kernidentität des Kindes eingehen; die Großgruppe bildet zudem kulturell signifikante »Bilder-Container» für die Externalisierung unangenehmer oder nicht integrierter Selbst-und Objektbilder aus.
 
2- Gemeinsame »gute« Identifikationen: über die Identifikation mit Anteilen der Eltern nehmen Kinder kulturelle und gesellschaftliche Normen auf, die zur positiv gesehenen Identität der Großgruppe gehören.
 
3- Aufnahme der »schlechten« Eigenschaften anderer: damit werden ursprünglich externalisierte Selbst-und Objektbilder, die anderen Großgruppen und deren Mitgliedern zugeschrieben werden, wieder zurück-und aufgenommen.
 
4- Aufnahme der inneren Welt einer (revolutionären oder transformierend wirkenden) Führergestalt, wobei einschränkend gesagt ist, dass sich eine Großgruppe samt ihrer Identität nur im Zustand großer Regression gänzlich der inneren psychischen Organisation einer Führergestalt unterwirft; einen gewissen Einfluss auf die Großgruppenidentität haben charismatische Führer aber immer.
 
5- Gewählte Ruhmestaten und,
 
6- gewählte Traumata: hier ist die enge Zusammenarbeit mit Historikern gefragt, denn die Identitätsbildung bei Großgruppen tendiert dazu, sowohl Ruhmestaten als auch Traumata zu wählen, die mehr mit Wünschen, Phantasien und psychischen Abwehrmechanismen als mit wirklichkeitsgetreuen Geschichten zu tun haben. Die Ruhmestaten dienen dem Stolz der Großgruppe, wodurch man sich anderen überlegen wähnt; die Traumata sind schwere Kränkungen, die das Selbstbild beeinträchtigen und im Sinne der späteren »Notwehr« nachträgliche Genugtuung fordern. Bei der Übertragung starker Traumata auf die nächste Generation werde das beschädigte Selbstbild der Traumatisierten in der Kernidentität der Nachkommen deponiert.
 
7- Bildung von Symbolen, die zu eigener Autonomie gelangen: das ist gewissermaßen das »Logo« der Großgruppe, z. B. die Nationalfahne, die Hymne, der Davidstern usw. Wenn eine Großgruppe unter Stress steht, könne aus dem Symbol leicht ein Protosymbol werden, ein Symbol, das nicht mehr die Großgruppe repräsentiere, sondern das fast körperlich die Großgruppe sei, so dass jede Beschädigung als großer Angriff erlebt werde. So kann Dänemark relativ ruhig auf die Verbrennung seiner Fahnen reagieren, die schon gedemütigten arabischen Völker aber reagieren äußerst aggressiv auf die Darstellungen des Propheten in Karikaturen.
 
 
Im weiteren Verlauf analysiert Volkan diese sieben »Fäden« der Großgruppenidentität sowohl theoretisch als auch an praktischen Beispielen. Im psychoanalytischen Sinne geht es ihm dabei um das Wie der Integration sowohl »guter« als auch »böser« Objekt-und Selbstbilder.
 
Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit regressiven Prozessen von Großgruppen, die Volkan wie folgt beschreibt: (S.68ff.):
 
1- Die Gruppenmitglieder verlieren Identität und Souveränität.

2-  Die Gruppe schart sich blind um die Führergestalt.

3- Die Gruppe wird in »gute« Segmente (Gruppenmitglieder; die der Führergestalt gehorsam folgen) und »schlechte« Segmente (Gruppenmitglieder, die bei den übrigen Mitgliedern den Eindruck erwecken, dass sie sich der Führergestalt widersetzen) unterteilt.
 
4- Die Gruppe entwickelt eine strikte Unterscheidung zwischen ihren eigenen Mitgliedern (»Wir«) und »feindlichen« (meist benachbarten) Gruppen (»Sie«).
 
5- Die der Gruppe gemeinsamen Moralvorstellungen oder ihre gemeinsamen Überzeugungen werden zunehmend verabsolutierend verstanden und zur Verurteilung derjenigen benutzt, die diesen als gruppenspezifisch angesehenen Charakteristika nicht entsprechen. Insgesamt werden 20 solcher Mechanismen genannt, mit denen sich regressive Prozesse in Großgruppen gut beschreiben lassen.
 
 
Für progressive Entwicklungen von Großgruppen nennt Volkan 10 Punkte bzw. Symptome (S.102f.) Wesentlich ist dabei, dass Großgruppen in die Lage kommen, reale Gefahren von innen und außen gut abzuwehren und dabei Selbstvertrauen und demokratische Prozesse zu entwickeln.
 
Im nächsten Kapitel des ersten Teils untersucht der Autor Rituale, die dazu dienen können, die Identität einer Großgruppe samt ihrer Souveränität zu stärken, d.h. Rituale, die geeignet sind, Menschen trotz aller Unterschiede miteinander zu verbinden. Ein Beispiel dafür sind Feiertage oder Jahrestage, an denen bestimmte Ereignisse der Großgruppe gefeiert werden. Bei der Beobachtung solcher Rituale ist Volkan aufgefallen, dass zur Abgrenzung der Großgruppenidentität von anderen Großgruppenidentitäten oft geringfügigste Unterschiede größeres Gewicht haben als wirkliche Differenzen. Je stärker eine Großgruppe regrediert, desto stärker werden solche geringfügigen Unterschiede betont. Eine Großgruppe definiert sich ebenso wie ein Individuum nicht nur durch das, was sie ist, sondern vor allem durch das, was sie nicht ist (S.122.) Hierzu eignen sich Rituale in besonderer Weise.
 
Im zweiten Teil des Buches wird eine Analyse des religiösen Fundamentalismus unternommen. Volkan beschreibt Ereignisse, die diesen Fundamentalismus im Sinne eines regressiven Großgruppenprozesses durch Angriffe von außen fördern. Die fast hysterische Verunglimpfung des Islam – als wären alle Moslems potentielle Terroristen – ist ein Beispiel dafür, wie auch mächtige Staaten wie die USA oder Israel die Feindschaft gegenüber ihrem Land durch entsprechende Verhaltensweisen geradezu fördern. Auf diese Weise werden regressive Großgruppenprozesse bei den definierten »Feinden« ausgelöst, die selbst von liberalen, gut gesinnten Führungspersonen der »feindlichen« Großgruppe kaum aufgehalten werden können. In dem Maß, in dem sich regressive Prozesse gegenseitig aufschaukeln, wird Deeskalation schwieriger.
 
Im dritten Teil des Buches untersucht Volkan das schwierige Verhältnis von Macht und Persönlichkeit, er analysiert den Einfluß von Führerpersönlichkeiten und deren Psychologie auf die Gestaltung von Großgruppenprozessen. Wenn der Druck auf eine Großgruppe von außen zu stark wird, regrediert diese fast zwangsläufig, es werden neue Führerpersönlichkeiten gewählt, die in dieser Situation durch eine scheinbar klare Unterscheidung von Freund und Feind mit recht primitiven Argumenten an die Macht kommen können. Dabei spiele die meist starke Ausprägung narzisstischer Persönlichkeitsanteile bei solchen Führerpersönlichkeiten eine große Rolle. Andererseits beschreibt Volkan auch Führerpersönlichkeiten wie Mahatma Gandhi, die fast wie Lehrer höchst progressive Großgruppenprozesse auch in ungünstigsten Ausgangslagen bewirken könnten. An den vielen Beispielen von Führerpersönlichkeiten zeigt sich Volkan's gute Kenntnis der Weltpolitik, die aus seiner engen Zusammenarbeit mit Diplomaten, Politikern und hohen Beamten gespeist ist.
 
Der vierte und letzte Teil beschäftigt sich mit Albanien und der Geschichte, wie sich dieses Land aus einer sehr regressiven Position in eine progressive Entwicklung befördert hat, woran Volkan und sein Institut mitwirken durften. Es wird eindrücklich gezeigt, wie Kenntnisse von Großgruppenprozessen einem Land dabei helfen können, sich aus einer Situation völliger Isolierung und Verarmung heraus langsam zu einem modernen Staat zu entwickeln. Auch bei diesem Prozess gab es deutliche Rückschläge, die Volkan beschreibt. Als Ergebnis aber ist es möglich zu sagen, dass eine breitgefächerte Erfahrung und eine fundierte Theorie von Großgruppenprozessen politische Veränderungen im Sinne von Demokratisierung und Industrialisierung gut unterstützen können.
 
Das Buch zeugt von großer Kenntnis auch der politischen und diplomatischen Prozesse und ist spannend zu lesen. Der weite Bogen von der Couch bis zur aktiven Einmischung in internationale Konfliktgeschehnisse ist nachvollziehbar beschrieben und ermutigt, selbst in solchen Bereichen tätig zu werden. Es wird in aller Deutlichkeit gezeigt, dass Psychoanalyse nicht nur als Behandlungsverfahren sinnvoll ist, sondern auch zur Klärung von Konflikten auf nationaler und internationaler Ebene beitragen kann. Volkan ist einer der wenigen, die für diese Öffnung der Psychoanalyse viel getan haben.
 
 
Wegen der großen Plausibilität des Buches sind kaum kritische Einwände zu erheben. Einige kleinere Einwendungen bestehen dennoch:
 
1- Volkan berücksichtigt zu wenig die Ergebnisse der analytischen Großgruppenforschung, wie sie mit Kreeger, Pat de Maré und anderen in London verbunden ist. Das wäre eine gute Ergänzung, besonders um die inneren Mechanismen von Großgruppen zu erfassen.
 
2- Das Gewicht menschlicher Destruktivität ist bei der Analyse von Großgruppenprozessen nicht ausreichend berücksichtigt. Nach meiner Erfahrung mit analytischen Großgruppen und deren Gewaltpotential ergibt die Berücksichtigung spezifischer Großgruppenabwehrmechanismen (z.B. Dichotomisierung, Legendenbildung, die schnelle Bereitschaft, jegliche Kommunikation zu verunmöglichen, Regression Einzelner bis auf fast psychotisches Niveau) noch weiteres Handwerkszeug, um mit Großgruppen und der immer lauernden Gefahr der Triebentmischung bzw. der heftigen Entladung von purer Gewalt oder auch Sexualität umzugehen.
 
3- Die »sieben Fäden der Großgruppenidentität« sind aus meiner Sicht noch nicht gänzlich durchgearbeitet; wenn man aber Volkans Werk von seinen ersten Schriften bis jetzt durchsieht, ist eine zunehmende Differenzierung im Gange, die wohl schließlich dazu führen wird, dass diese »Fäden« noch weiter präzisiert werden können, vor allem im Hinblick auf die Wechselwirkung zwischen den »Fäden« und der zwischen den Großgruppen.
 
Das ist alles, was an Kritik anzubringen ist. Zentral bleibt, dass Volkan ein Werk geschaffen hat, das zeigt, wie die Psychoanalyse bei der Entschärfung nationaler und internationaler Konflikte helfen kann. Das Buch sollte Pflichtlektüre jedes angehenden und jedes praktizierenden Psychoanalytikers sein.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Copyright © Vamýk D. Volkan and Özler Aykan 2007.
 
All rights reserved. 
 
 
Policies & Info / Accessibility / Sitemap / RSS / JSON
 Webmaster: Oa Publishing Co. 
Editor: Özler AYKAN
Last modified on: May 28, 2012