Vamık D. Volkan, M.D., DLFAPA, FACPsa.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Large Group Identity: Gruppenverhaltan bei Krisen
 
 
 
 
Markus Henkel
 
 
 
 
 
Wie reagieren große Gruppen bei Bedrohung von außen?
Was Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse,
schon Anfang des 20. Jahrhunderts bewegte,
ist heute fester Bestandteil der Arbeit von Prof. Dr. Vamık D. Volkan.
(Fotos: Die Gotenschlacht am Vesuv, alle anderen Bilder von Markus Henkel)
 
 
 
 
Nun war der USA-amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker in Hamburg zu Gast und referierte am Campus Lehre des Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Volkan gilt als einer der weltweit renommiertesten Vertreter der Poltischen Psychologie. Der 77-jährige hat in der Vergangenheit viele miteinander verfeindete Personen auf hoher politischer Ebene in einen Dialog gebracht. der gebürtige Zypriot Türkischer Abstammung wanderte Ende der 50er Jahre nach einem Medizinstudium nach Amerika aus und ließ sich zum Psychiater und Analytiker ausbilden. Er erforschte die Psychologie internationaler Konflikte.

Das Ergebnis daraus sind neue Theorien der Groß-Gruppenverhaltens in Friedens- und Kriegszeiten. Unter anderem gründete er das "Center of Study of Mind and Human Interaction" (CSMHI), das auf Konfliktlösungen in Osteuropa spezialisiert ist. Darüber hinaus war Volkan auch als neutraler Vermittler für die UNO und andere internationale Organisationen tätig. Die Friedensarbeit im weitesten Sinne war auch Thema seines Vortrages in Hamburg. Er sprach über das Verhalten von Großgruppen in Zeiten von Krieg und Frieden.
 

Die Großgruppen Identität
 
 

Was versteckt sich hinter dieser Großgruppen-Identität?:
In Deutschland beispielsweise, in dem die meisten Bürger deutsch sind, würde sich bei einer Bedrohung von außen die Bedeutung der individuellen Identität verringern. Jeder Deutsche würde seinen Fokus auf die Großgruppe richten, erklärte Volkan. Er beschreibt dieses Verhalten gerne mit Hilfe des Bildes von einem Zelt, in dem sich  Tausende oder Millionen von Menschen versammelt haben — allesamt Individuen mit ihrer eigenen Kleidung, eigenen Identität und eigenen seelischen Verfassungen. Die Menschen im Zelt sind auf einen Führer ausgerichtet. Aber jeder trage auch ein Stück "der Zeltleinwand in sich" — einen Teil, der ihn als Zugehörigen einer Gruppe definiert.
 

Bei seinen Forschungen habe er herausgefunden, dass etwa in Krisen — das Bild:
Eine andere Gruppe beschmeißt das Zelt mit Schmutz —  die Menschen im Zelt ihre eigene Identität ignorieren und sich stattdessen darum kümmern, das Zelt zu schützen und zu reparieren. Bei Besuchen in vielen Flüchtlingslagern habe er dieses Gruppenverhalten registriert, sagte Volkan. Gerade die Menschen, die wenig haben, denen man aber alles nehmen möchte, "würden alles tun, um ihre Großgruppen-Identität zu bewahren." Der viermal für den Friedensnobelpreis nominierte Wissenschaftler baute eine entspannte Atmosphäre im Saal auf. Seine lockere Art, die ruhige Stimme, selbst bei solchen schwierigen Themen, faszinierte die Zuhörer sichtlich. Eben diese Art schätzt man weltweit. "Die Arbeit von Volkans multiprofessionellem Team ist einzigartig. Leider gibt es keinen anderen, der diese Arbeit vollbringt," sagte Dr. Kerstin Stellermann, Mitorganisatorin des Abends. Die Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie kennt den Friedensspezialisten schon seit dem Studium — er ist ihr Mentor, ihr Vorbild und ein guter Freund.

 
 
 
Prof. Dr. Vamık D. Volkan, 
Während des Vortrages 
Universität Hamburg, August 19-21, 2009.  
 
 
 
 
Geschichtliche Unfälle
 
 

Der Krisenexperte stellte sehr anschaulich da, warum es immer wieder zu Krisen kommt:
"Es sind meist 'historical accidents', geschichtliche Unfälle, die dazu führen, dass Gruppen sich anfeinden." So simpel, wie das klingt, sei es auch. Vieles basiere auf Sympathie und Antipathie. "Wenn Politiker in Nachbarländern sich mögen, reden sie miteinander, wenn nicht, wird meist gekämpft oder zumindest gedroht," vereinfacht Stellermann die Aussage des Professors.  

Volkan bezog sich in seinem Vortrag auf den "worst case":
Ein Krise mit kriegerischem Ausgang. Dabei gelte bei der Bewertung von Großgruppen das gleiche Schema wie bei einzelnen Menschen. Auch Staaten oder ethnische Gruppen würden als gut oder schlecht bezeichnet werden. Wenn man sich die Weltpolitik anschaut, erscheint diese Annahme nicht falsch zu sein. Während seines Vortrags schilderte auch ein Beispiel aus seiner Arbeit während des Jugoslawien-Krieg, in die er gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter eingebunden war.

Der Jugoslawien-Krieg war nicht nur erschreckend, er habe aufgezeigt, welche Folgen Großgruppeneffekte haben könen. Slobodan Milošević habe ein 600 Jahre zurückliegendes Trauma reaktiviert und somit genug Anhänger für seinen Krieg gefunden, führte er aus. Er beschrieb die katastrophalen wirtschaftlichen Voraussetzungen, die im zerstörten Land herrschten, ja teilweise noch vorzufinden seien. Jimmy Carter habe damals als Vermittler die Wirtschaft im Land wieder aufbauen sollen. "Carter flog also nach Serbien und traf sich mit 20 grundlegend verschiedenen Gruppen — die wohlgemerkt alle an einem Tisch saßen," schilderte Volkan die damaligen Ereignisse. Da die Situation einfach nicht alleine zu bewältigen war, "rief mich mein alter Freund Carter an." Volkan nahm den nächsten Flieger und war nach eigener Aussage "überrascht," wie schwer es sein kann, verfeindete Clans auf einen Nenner zu bringen. "Solche Projekte sind nur mit vielen Gesprächen und nur ansatzweise zu lösen," schließt er ab. Auf die Frage hin, ob es irgendwann auf der Welt weltweiten Frieden geben könnte, lachte Volkan. "Natürlich nicht. Wir Menschen töten immer andere Menschen – damit wird immer wieder ein Nährboden für weitere Konflikte geschaffen."
 
 
 
Dr. Vamık D. Volkan,  Dr. Romer und Dr. Stellermann

 

Ein anderer Ansatz
  
  
 
Dass es eben auch bei Drohungen bleiben kann, die sich abzeichnende Krise aber ausbleibt, da ist sich Dr. Zaliha Yanıkömeroğlu vom Kompetenzzentrum Neuroni in Hamburg sicher. Die Spezialistin für Neurochirurgie und -psychologie war ebenfalls eine der begeisterten Zuhörerin von Volkans Vortrag und erweiterte ihn mit eigenen Beiträgen. "Es reicht nicht nur die Übertragung der Einzelidentität und Gruppe und vice versa, um eine Gruppendynamik zu ergründen. Stellen Sie sich eine Gruppe vor, die in Armut lebt und äußeren Bedrohungen ausgesetzt ist. In der menschlich-seelischen Frühentwicklung bedeutet ein gut integriertes Vaterprinzip, dass man über das berühmte 'Rückgrat' verfügt, sich den Schwierigkeiten des Lebens also stellen kann." Ihrer Meinung nach ist das Phänomen einer "Large Group Identity" auch eine gewisse Chance, um eine mögliche Krise zu verhindern. Es verschaffe eine Selbstsicherheit und die Gewissheit, dass eine eventuelle Gefahr nicht unbedingt zur einer Existenzbedrohung führt, sondern durch die eigene selbstbewusste Präsenz entweder gar nicht erst entsteht oder leicht abzuwenden ist.
 


Interne Gruppenpsychologie
 


Nur kann es laut Yanıkömeroğlu auch völlig anders kommen. Die Gruppe selbst könnte an der vermeintlichen Bedrohung zerbrechen, ohne dass es von außen tatsächlich Einwirkungen gab. In einer Bevölkerung, in denen Menschen von klein auf in den individuellen Familienmustern aufwachsen, in denen der Vater der Geldbringer, der Bestimmer ist und die Mutter nur den devoten, empfangenden Teil repräsentiert, könne es nicht zum Gleichgewicht der weiblichen und männlichen Kräfte und Prinzipien im Einzelnen kommen.

Es sei programmiert, dass nicht-integrale Persönlichkeiten eine spezielle Abgrenzung suchen. "Entweder in Form von Aggression, Rückzug oder durch den Anschluss an einen 'Führer', der das innere verzerrte Bild des Vaterprinzips repräsentiert." Dieser verspreche laut Yanikomeroglu eine Art Sicherheit des Verbundes selbst. Dem gesamten Kontext stehe aber absoluter Gehorsam gegenüber. Der Kreis schließe sich also. Alle sind nun wieder Geschwister, einem Vater hörig, der sie behüten soll.  Da denken die europaweit agierenden Ärztin und der weltbekannte Professor im Konsens.

Der Anschein der Harmonie täusche aber nach Yanıkömeroğlu erheblich. Innerhalb der Gruppe, die nach diesem Muster gestrickt sind, baut sich Misstrauen und Wut auf. Das Feindprinzip, dass eigentlich gegen das verzerrte innere männliche Bild gerichtet werden sollte, damit eine Heilung stattfinden kann, wird auf Außenstehende projiziert. Das Unterbewusstsein hat dabei eine Schutzfunktion. Wie könnte man seinen Vater oder seine Mutter verurteilen, wie schuldig müssten sich diejenigen fühlen, die über einen Vater, der sie doch nur beschützen will, richten sollen?, warf die Ärztin ein. Bei der Großpopulation in diesem existenziell unsicheren Zustand kommt der typische "Geschwisterzwist" zum tragen.

Immer weniger Vertrauen in die Menschen, die einem am nächsten stehen, wird so weiter genährt. "Am Ende kommt es zum biblischen" "Aug' um Aug," womit die Gruppe wieder bei der untersten menschlichen Seelenstufe angelangt sei. Es gehe nur um das Abgrenzen und Schützen des eigenen Ichs, schließt sie ab. Also nicht nur eine fremde Großgruppe könnte der Feind sein, sondern auf einmal auch die eigenen Gruppenmitglieder.
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

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